
Vereinzelte Steinhäuschen, ein paar Strommasten und hier und da einige Schafe durchbrechen die Weiten von Snowdonia.
Der Wind pfeift an diesem Tag ziemlich frisch über Llanberis. Als uns der Reisebus im Snowdonia Nationalpark absetzt, befinden wir uns gerade mal 108 Meter über dem Meeresspiegel, doch die Landschaft mutet an wie das Hochgebirge. Die Wiesen rund um das Örtchen sind mit schroffen Gesteinsbrocken übersät, als hätte jemand mit einem überdimensionalen Hammer auf die steilen Felswände eingeschlagen.
Nord-Wales war lange vom Schieferabbau geprägt
Wenige Bäume wachsen hier, stattdessen überziehen große Flächen Heide und Moos die steinige Landschaft. Hinter Llanberis liegt Llyn Peris, ein langer, schmaler See, dem man noch ansieht, dass ihn vor Jahrtausenden eine Gletschermoräne geformt hat. Die Menschen sind einst in diese bizarre Gegend gezogen, um Schiefer abzubauen. Das ist lange vorbei, doch noch heute dreht sich in Llanberis alles um die Riesen aus Stein, die das Dorf umgeben. Denn hinter Llanberis erhebt sich der Snowdon, der höchste Berg in Wales.
Mount Snowdon, der Stolz der Waliser
Der Legende nach soll unter seinem Gipfel der keltische Riese Rhita Gawr begraben sein, den König Arthur im Kampf tötete. Und wir wollen jetzt diesen sagenumwobenen Berg im Norden von Wales besteigen. Etwa 900 Meter Höhenunterschied haben wir vor uns, denn mit seinen 1.085 Metern ist der Snowdon doch eher ein Zwerg im Vergleich zu den Kolossen der Alpen. Dennoch bietet der Snowdon einen imposanten Anblick, wie er da aus der grün-braun-gesprenkelten Ebene herausragt und mit seinem Gipfel die Irische See überblickt, die sich auf der anderen, der schroff abfallenden Seite des Berges befindet.

Walisisch ist eine der keltischen Sprachen, die am Rande der britischen Inseln überlebt haben.
Beliebte Wander-Strecke
Einige Mitglieder unserer Gruppe scheinen die Strecke jedoch nicht ganz ernst zu nehmen und trippeln mit hohen Absätzen über den holperigen Weg, der schon nach wenigen hundert Metern nicht mehr geteert ist, sondern aus grob hinter- und übereinander gefügten Felsplatten besteht. Noch ist der Pfad nicht sehr steil, doch muss man aufpassen, wo man hintritt. Wanderschuhe sind hier schon angebracht, auch wenn wir mit dem Llanberis Path den einfachsten, für Anfänger geeigneten Weg auf den Gipfel gewählt haben.
Der bequeme Weg nach oben
Trotz des wolkenverhangenen Septemberhimmels begegnen uns schon bald die ersten freundlich grüßenden Wanderer. Denn der Snowdon ist ein beliebtes Ausflugsziel bei ausländischen Gästen wie bei den Briten selber. Sogar Familien mit Kindern kommen uns schon am Vormittag auf ihrem Rückweg vom Berggipfel entgegen und zeigen keinerlei Anzeichen von Erschöpfung. Die Verwunderung macht schnell einem Aha-Erlebnis Platz, als ein roter Zug an uns vorbei den Berghang hinaufschnauft. Mit der Zahnradbahn „Snowdon Railway“ können auch diejenigen den Gipfel bezwingen, die nicht so gut zu Fuß sind – oder es einfach etwa eiliger haben.
Wild-romantisches Wales
Das nimmt dem Snowdon zugegebenermaßen ein wenig seinen wild-romantischen Zauber. Doch die Natur behält hier noch immer die Oberhand. Die weite Landschaft stört sich nicht an den Touristen, die sich auf dem schmalen Pfad nach oben schlängeln und liegt unbekümmert da, wie sie wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden dagelegen hat: karg, menschenleer und doch irgendwie lieblich mit ihren vielen kleinen Erhebungen, Bachläufen und dunkelgrünen Grasbüscheln. Hier und da sieht man kleine weiße Tupfen auf den Grasflächen verstreut. Es sind – wie könnte es in Wales anders sein – Schafe, die hier grasen und sich frei bewegen können.

Schmelzwasser sammelt sich in den Sommermonaten am Fuße des Snowdon.
Gipfelblick auf die Irische See
Nachdem wir etwa dreiviertel des Weges hinter uns gebracht haben, wird es dann plötzlich doch noch etwas anspruchsvoller. Bisher hatten wir uns auf dem Rücken eines langgezogenen Ausläufers des Snowdon langsam aber sicher immer weiter nach oben bewegt. Jetzt zeigt uns der Gipfel, dass er ein Gipfel ist und lässt uns noch ein wenig kraxeln. Kein Problem, haben wir doch das Ziel vor Augen und freuen uns bereits auf den grandiosen Ausblick auf mehrere Bergseen und das Meer, den man vom höchsten Punkt des Berges haben soll. Bei gutem Wetter kann man hier sogar bis nach Irland schauen, haben wir gehört.
Britisches Klima extrem
Bedenklich ist nur, dass sich innerhalb der letzten halben Stunde immer wieder Wolken über die oberste Kante des Berges geschoben haben und den Gipfel in eine graue Nebelsuppe hüllen. Nicht untypisch wahrscheinlich, gehört der Snowdon doch zu den Regionen mit dem nassesten Klima auf den britischen Inseln. Eine scharfe Rechtsbiegung, der Blick hinab auf einen kleinen, verträumten Schmelzwassersee, dann beginnt das steilste Stück der Strecke über einen lose befestigten Anstieg, der eher einer Geröllhalde gleicht als einem Weg. Dann sind wir oben.
Gipfelstürmer auf dem Mount Snowdon
Und es kommt, wie es kommen musste. Just in dem Moment, als wir den Triumph unserer ersten Gipfelstürmung erleben, hat sich wieder eine Wolke über dem Snowdon breitgemacht. Die Sichtweite liegt bei geschätzten zehn Metern. Außer den moosbedeckten Felszerklüftungen unter unseren Füßen, die die Silhouette des Snowdongipfels formen, sehen wir nicht viel. Selbst die anderen Wanderer, die mit uns nach oben gestiegen sind, verschwinden schon bei wenigen Metern Entfernung in den milchig-weißen Nebelschwaden. Ein seltsames Gefühl, dass es direkt neben uns tief hinuntergeht, doch wir es nicht sehen können!

Der Llanberis Path führt teilweise an der Zahnradbahn-Strecke entlang auf den Gipfel.
Dem Himmel so nah
Das Versprechen, das die walisischen Tourismusämter mit dem Erklimmen des Snowdon verknüpfen, hat sich dennoch bewahrheitet: Wir sind hier tatsächlich näher am Himmel. Einem wolkenverhangenen, britischen Septemberhimmel eben. Deshalb währt die Enttäuschung nicht lange. Außerdem drängt die Zeit, denn nach gut drei Stunden Aufstieg erwartet uns ja noch der ebenso lange Abstieg. Die Damen mit den hohen Absätzen entscheiden sich für die Zahnradbahn, wir mit unseren Wanderschuhen lassen es uns natürlich nicht nehmen, das begonnene Werk zu Fuß zu Ende zu bringen.
Die sanfte Seite von Snowdonia
Und der Rückweg entschädigt uns für das Nebelmeer auf dem Berggipfel. Denn mit den Augen zum Tal und einigen plötzlich aufblitzenden Sonnenstrahlen haben wir jetzt einen wunderschönen Ausblick auf die sanft abfallenden Ausläufer des Snowdon, wogende Gräserteppiche und friedlich grasende Schafe. Das Schroffe, Steinige, Unbeständige ist offenbar nur eine Seite des Snowdonia Nationalparks, manchmal zeigt er auch sein friedliebendes Gesicht.
Von Nina Mewes
Tags:Europa, Großbritannien, Nationalparks, Wales, Wanderurlaub